Aperçu du sujet
Mein musikalischer Zwillingsbruder Eines Abends traf ich in einem Plattenladen in Amsterdam einen Menschen, mit dem mich sehr viel verband1, obwohl er mir völlig unbekannt war. „Hello Jürgen?“, fragte er. „Hello Christian“, sagte ich, und wir reichten uns die Hand. Ich hatte mir sein Äußeres weder so noch anders vorgestellt,
Mein musikalischer Zwillingsbruder Eines Abends traf ich in einem Plattenladen in Amsterdam einen Menschen, mit dem mich sehr viel verband1, obwohl er mir völlig unbekannt war. „Hello Jürgen?“, fragte er. „Hello Christian“, sagte ich, und wir reichten uns die Hand. Ich hatte mir sein Äußeres weder so noch anders vorgestellt, aber als ich ihn sah, war ich erleichtert, dass er keine Ähnlichkeit mit mir hatte. Außer dem Vornamen wusste ich noch, dass er 5 27 Jahre alt ist, einen holländisch klingenden Nachnamen trägt und irgendwas mit Medientechnik studiert. Und dass er mein lange gesuchter Doppelgänger2 sein musste, mein Bruder im Geiste. Denn wir hatten in den letzten beiden Jahren dieselbe Musik gehört, im Internet konnte ich es nachlesen: Tag für Tag, Stunde für Stunde, Stück für Stück. Auf einer Webseite namens Last.fm hatte ich Christian unter 25 Millionen weltweit verstreuten Kandidaten als den einen Menschen entdeckt, dessen Musikgeschmack3 10 meinem eigenen am ähnlichsten ist. Seit Anfang 2007 hatte ich dort nach meinem Alter Ego gesucht, die Algorithmen dieser Internetseite machten es möglich. Gesucht hatte ich allerdings auch schon vorher, weniger systematisch, fast mein Leben lang: seit ich mir mit zehn Jahren meine erste Beatles-Platte gekauft hatte. Ganze Nachmittage lang hörten meine Grundschulfreunde und ich sie immer wieder an, grenzenlos begeistert. Umso erstaunter waren wir, dass es 15 außerhalb unseres Zirkels Leute gab, die diese Begeisterung kein bisschen teilten. Wie konnte das sein? Warum mag der eine dies und die andere das? In der Teenagerzeit wurden die Fragen drängender, die Musik stiftete und spaltete4 Freundschaften, später inspirierte sie Liebesgefühle oder weckte leise Zweifel an der Angebeteten5. Es war immer wieder dasselbe Thema, in verschiedenen Variationen: Kann, darf, soll man Menschen nach ihrer Lieblingsmusik beurteilen? 20 Last.fm war für meine Suche nach dem Doppelgänger wie gemacht. Es ist eine Art Internetradio, eine Klangbibliothek, in der die gesamte Musik der Menschheit Platz findet und in der Millionen Leute stöbern, Stücke anhören, Empfehlungen austauschen – und sich dabei manchmal kennenlernen. Zu etwas Neuem wird Last.fm durch ein Verfahren namens Scrobbling: Jeder Musiktitel, den die registrierten Benutzer auf ihren Computern und MP3-Playern hören, wird auf dem Zentralrechner in London 25 gespeichert6. Jeder Benutzer bekommt von Last.fm eine eigene Seite, auf der alles Gehörte dargestellt wird, sortiert nach den am häufigsten gespielten Stücken. Wenn Last.fm Parallelen zwischen zwei Hörern erkennt, stellt er sie als sogenannte Nachbarn vor, wenn sie sich sympathisch finden, können sie sich zu