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Ein Leben zwischen Ost und West Text 1 Als Kind lebte Jörg Berger, der Autor dieser Autobiographie, in der DDR. Als es die Mauer noch nicht gab, gingen meine Mutter und ich einmal mit einem bezahlten Schleuser1 in den Westen. Zuerst trampten2 wir nach Weilheim, später noch in den Norden
Ein Leben zwischen Ost und West Text 1 Als Kind lebte Jörg Berger, der Autor dieser Autobiographie, in der DDR. Als es die Mauer noch nicht gab, gingen meine Mutter und ich einmal mit einem bezahlten Schleuser1 in den Westen. Zuerst trampten2 wir nach Weilheim, später noch in den Norden nach Lübeck, wo sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Dabei durfte ich mit Erstaunen feststellen, dass meine Mutter Chancen bei anderen Männern hatte. Von einem Amerikaner, der uns 5 mitnahm, erhielt sie sogar einen Heiratsantrag. Er war ein höherer Offizier und nannte mich „little boy“. Wir sollten bei ihm bleiben, so wünschte er es sich, und zusammen in die Vereinigten Staaten ziehen. Ich will nicht behaupten, dass meine Mutter bei diesem Angebot ins Wanken geriet3. Doch sie merkte, dass es noch andere Optionen im Leben gab, und hinzu kam, dass es ihr im Westen besser gefiel als im Osten. Wir sind aber zu meinem Vater zurückgekehrt. 10 Wieder zu Hause, drängte4 meine Mutter ihren Mann: „Du kannst doch auch drüben etwas finden. Wir suchen uns dort eine neue Arbeit.“ In dieser Zeit, den fünfziger Jahren, hätte man noch ohne größere Probleme gehen können. Und viele taten dies auch. Aber meine Mutter konnte meinen Vater nicht dazu bewegen, etwas Neues anzupacken. Er ließ sich nicht verpflanzen. Der Westen, das bedeutete für meine Mutter: Die Menschen, die dort leben, können machen, was sie 15 wollen. Die können ihre Entscheidungen selbst treffen, überall hinreisen. Ihre Sehnsucht, andere Länder kennenzulernen, machte ich zu meiner eigenen. Nach aktuellem Stand habe ich über siebzig verschiedene Länder besucht – als wenn ich es für sie getan hätte. Text 2 Bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 spielte die Bundesrepublik Deutschland im Finale gegen Ungarn. Die Fußballweltmeisterschaft 1954 war natürlich ein unvergessliches Erlebnis. Ich war knapp zehn Jahre alt und verfolgte übers Radio die einzelnen Spiele in der Schweiz. Irgendwie bekam ich heraus, 20 dass es in der Nähe unserer Wohnung ein Agitprop-Lokal5 gab. Dort gingen vorwiegend Parteigenossen6 ein und aus. Egal, hier sollte am 4. Juli das Endspiel übertragen werden. Selbstbewußt ging ich am großen Tag dorthin. Keiner warf mich hinaus. An der Kopfseite des Lokals befand sich ein kleiner Schwarzweißfernseher der Marke « Rubens ». Der Reporter bei diesem Spiel war Wolfgang Hempel, einer der renommiertesten und beliebtesten Sportmoderatoren der DDR. 25 Es war für mich die erste Live-Übertragung eines Spiels im Fernsehen. Selbstverständlich