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12ALGE1LLI1 Text A 1 Ich war kein Freund der Wiedervereinigung. Ich war damals 14 Jahre alt und versprach mir persönlich nichts davon. Es ging uns doch bestens. Damals im Westen. Dass wir Deutsche noch immer nicht richtig vereint sind, liegt an unserer westdeutschen Ignoranz. Ich wusste damals, als die Mauer
12ALGE1LLI1 Text A 1 Ich war kein Freund der Wiedervereinigung. Ich war damals 14 Jahre alt und versprach mir persönlich nichts davon. Es ging uns doch bestens. Damals im Westen. Dass wir Deutsche noch immer nicht richtig vereint sind, liegt an unserer westdeutschen Ignoranz. Ich wusste damals, als die Mauer fiel, nichts über die Menschen im Osten, und sie interessierten mich auch nicht. Ich fand 5 auch nicht, dass wir zusammengehörten. Ich bin ein Kind der Bonner Republik, aufgewachsen im fernen Westen der Republik. Ich hatte eine Jugend mit Rheinischem Kapitalismus und Rheinischem Sauerbraten. Unsere Aufmerksamkeit war damals, in den Achtzigern, ganz gen Westen gerichtet. Wir trugen die Jeans aus dem Westen, hörten die Lieder des Westens, sahen die Filme des Westens, träumten die Träume des Westens. 10 Die Deutsche Demokratische Republik hingegen kam mir vor wie das Herz der Finsternis, emotional rangierte sie bei mir auf der gleichen Stufe wie die Demokratische Republik Kongo. Mit dem Fußballverein fuhren wir nach England, mit der Schulklasse nach Frankreich, in den Urlaub nach Österreich und auch mal nach Spanien. Ich fühlte mich diesen Ländern und ihren Einwohnern verbunden. Zumindest wusste ich einiges über sie, man kam in Kontakt. 15 Mit den Einwohnern der DDR hingegen stand ich nicht in Kontakt. Meine Familie hatte weder Verwandte noch entfernte Bekannte im Osten. Es gab niemanden, dem wir einen Besuch hätten abstatten oder wenigstens Schokolade schicken können. Den meisten meiner Generationskollegen in Ostfriesland, im Münsterland, in Schwaben oder dem Allgäu erging es ähnlich. Wer nach dem Bau der Mauer im Westen geboren wurde und nicht 20 zufällig über eine Oma im Osten verfügte oder im Zonenrandgebiet aufwuchs, konnte eine vollkommen ostfreie Jugend verleben. Kurz vor dem Fall der Mauer hatte laut Umfrage nur jeder dritte Bundesbürger persönliche Kontakte zu DDR-Bürgern, von den 14- bis 29-Jährigen sogar nur jeder vierte. Die DDR war Ausland, weit entfernt, ausländischer ging es kaum. Im Geschichtsunterricht lernten wir auch nicht viel über unsere Brüder und Schwestern von 25 drüben. Viel wichtiger war natürlich die athenische Demokratie. Wir wussten alles über die Goldene Bulle1, aber nichts über die Stasi. nach Markus Feldenkirchen, www.spiegel-online.de, 4. Oktober 2010 Text B Es sollen die Opfer sein, an die zum 50. Jahrestag des Mauerbaus in erster Linie erinnert wird. „Wir denken an das Leid, das ungezählten Frauen, Männern und Kindern zugefügt wurde - an der Mauer und innerhalb der unmenschlichen Grenzen des SED-Unrechtsstaates“, sagte 30