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Text A Die Szene spielt in den 60er Jahren. Rosenbaum, Biologielehrer an der Realschule, war einer meiner Schutzengel. Wie Pastor Kreuzkamp und wie Lehrer Mohren mit seinem „Steh auf“, als ich nicht aufstand mit denen, die auf Gymnasien und Realschulen gehen wollten. Kreuzkamp, Mohren, Rosenbaum: Ohne sie würde ich heute
Text A Die Szene spielt in den 60er Jahren. Rosenbaum, Biologielehrer an der Realschule, war einer meiner Schutzengel. Wie Pastor Kreuzkamp und wie Lehrer Mohren mit seinem „Steh auf“, als ich nicht aufstand mit denen, die auf Gymnasien und Realschulen gehen wollten. Kreuzkamp, Mohren, Rosenbaum: Ohne sie würde ich heute nicht hier durch die Straßen 5 laufen, würde vielmehr bei Steno und Schreibmaschine in einem vollgequalmten Büro sitzen. Gemeinsam waren der Pastor und die beiden Lehrer - wie die Heiligen Drei Könige, hatte der Bruder gespottet - in der Altstraße aufgetaucht. Wie verloren hatte der Vater am Ende den drei Männern gegenübergesessen: Sein Nein zum Gymnasium für ein Mädchen hatte keine Kraft mehr. 10 Der Übergang zum Gymnasium war für meinen Bruder Bertram leicht gewesen. Er war ein Junge, und die Tante, eine Schwester des Vaters, bezahlte das Schulgeld. Welch’ eine Freude hatte es Bertram in den vergangenen Monaten gemacht, mir, der Schwester, die sonst immer alles besser wusste, Latein beizubringen. Ein Spiel war es für uns beide gewesen, unsere Welt, Dinge unseres Alltags in der Sprache Gottes neu zu erschaffen. 15 Ein Kilometerzähler wurde zum chiliometrorum mensura, der Stromausfall zum fluoris electriciti abruptio, und der Kölner FC schoss: porta! Tooor! Am ersten Schultag sagte mir meine Freundin Monika: „Jetzt haben wir erst mal Deutsch! Bei Rebmann! Du wirst sehen: ein Fä-noh-men.“ Der Lehrer zog sich hinter den Schreibtisch zurück und fragte, ob ich denn den „Werther“1 schon gelesen habe. 20 Erleichtert sagte ich „Ja“. „Nun, dann können Sie uns vielleicht in ein paar Sätzen sagen, was Sie von diesem 'Werther' halten“. „Eine faszinierende Sprache“, hörte ich mich schüchtern sagen. „Ja, aber was halten Sie denn nun von diesem Mann? Ihre Meinung ist gefragt!“ 25 Dass mir Studienrat Dr. Werner Rebmann meine Liebe zu den Büchern und Buchmenschen nicht durch Fakten und Daten wegnahm, dafür flog ihm mein Herz entgegen. Sein Wunsch, uns zum Selberdenken anzuregen, war stärker. Richtig oder falsch gab es nur selten. Nicht: „Was will uns der Dichter damit sagen?“, wie es uns das furchtsame Fräulein Abendgold in der Realschule beigebracht hatte, interessierte 30 Rebmann. Er wollte wissen: „Was hat er Ihnen zu sagen? Was können Sie anfangen mit diesem Gedicht, dieser Erzählung, dieser Figur?“ Argumente zählten. Eine Meinung haben und sie begründen, das Für und Wider erwägen, Schlüsse ziehen. Lesen sollte zum Denken führen. nach Ulla HAHN, Aufbruch, dtv, 2009 1 Werther : ein Briefroman von