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12ALGE2LAN1 Eine große Liebe – und eine Flucht in den Westen 1 Nur ein Gedanke beschäftigt Leslie Colitt: „Wie bekomme ich Ingrid raus aus Ost-Berlin?“ Der junge Amerikaner hat sich erst wenige Wochen vor dem 13. August 1961 mit seiner großen Liebe verlobt, will sie heiraten. Dann wird plötzlich die
12ALGE2LAN1 Eine große Liebe – und eine Flucht in den Westen 1 Nur ein Gedanke beschäftigt Leslie Colitt: „Wie bekomme ich Ingrid raus aus Ost-Berlin?“ Der junge Amerikaner hat sich erst wenige Wochen vor dem 13. August 1961 mit seiner großen Liebe verlobt, will sie heiraten. Dann wird plötzlich die Sektorengrenze gesperrt1. Leslie ist in Nizza, mit seinen Eltern und seiner Schwester im Familienurlaub. Sie baden 5 und spielen Tennis, seine Verlobte aber arbeitet ganz normal in Berlin-Mitte, an der Charité2. Als der 24-jährige am Morgen des 14. August 1961 aus der „Herald-Tribune“ von den Ereignissen in Berlin erfährt, kennt er nur noch ein Ziel: So schnell wie möglich zurück nach Deutschland, in die nun völlig zerrissene Stadt und einen Weg finden, Ingrid in die 10 Freiheit zu holen. Kennengelernt hatten sich der sportliche Amerikaner und die hübsche junge Ostberlinerin schon über ein Jahr zuvor. Leslies Vater war aus Berlin in die USA ausgewandert und hatte seinem Sohn Leslie immer wieder von seiner Heimat erzählt, und kaum hatte Leslie das College3 absolviert, organisierte er sich ein Stipendium, um im November 1959 nach 15 Berlin wechseln zu können. Doch da Leslie fast kein Deutsch sprach, schloss er sich die ersten Monate vor allem in seinem Zimmer im Studentenwohnheim ein, um die Zeitung zu lesen und die Alltagssprache zu lernen. Und als er sich endlich in die Stadt hinaustraute4, zog es ihn fast täglich in den Ostteil: „Es war eine sehr aufregende Zeit.“ Leslie erlebte Berlin noch 20 als politisch geteilte, gleichzeitig im Alltag immer noch überraschend einige Stadt. Zum Weiterstudieren kam er angesichts all der neuen Erfahrungen kaum. „Ingrid habe ich in einer Gaststätte in Ost-Berlin kennengelernt, nahe an der Grenze.“ Die beiden kamen ins Gespräch, fanden sich sympathisch – und verabredeten sich für den nächsten Tag. Bald waren sie ein Paar. „Wir haben nie darüber nachgedacht, ob es ein 25 Problem geben könnte, weil sie aus Ost-Berlin stammte und ich Amerikaner war.“ Sofort am 14. August bucht Leslie Colitt seine Rückreise nach Berlin, und sobald er im Studentenwohnheim ankommt, macht er sich auf den Weg zur Sektorengrenze. An der Friedrichsstraße, dem späteren Checkpoint Charlie, liegen Stacheldrahtrollen5 quer über der Straße. Als Amerikaner, also Staatsbürger einer der vier Siegermächte, hat der junge 30 Mann kein Problem in den sowjetischen Sektor zu gelangen6. Von der ersten Telefonzelle aus ruft er seine Verlobte an und verabredet sich mit ihr. Dann geht er durch