Aperçu du sujet
Wie oft hatte ich meine Mutter gefragt, wieso sie damals nicht meinem Vater nach Aachen gefolgt war. Es wäre die richtige Zeit gewesen. Er hatte sich entschlossen, im Westen eine neue Existenz aufzubauen. Er hatte geahnt, dass die Mauer kommen würde. Mama wollte nicht auf ihn hören. Sie wollte zurück
Wie oft hatte ich meine Mutter gefragt, wieso sie damals nicht meinem Vater nach Aachen gefolgt war. Es wäre die richtige Zeit gewesen. Er hatte sich entschlossen, im Westen eine neue Existenz aufzubauen. Er hatte geahnt, dass die Mauer kommen würde. Mama wollte nicht auf ihn hören. Sie wollte zurück nach Dresden. Außerdem hatte ich Scharlach1 5 bekommen, mit hohem Fieber. Meine Mutter bestand darauf, dass ich bei unserem Kinderarzt behandelt würde. Also fuhr sie mit mir mit dem Zug zurück. Zurück in eine Zukunft, die später eingemauert wurde. Plötzlich war es zu spät. Sie weinte viel, verstand nicht, wieso der Staat seinen Bürgern so etwas antun konnte. 10 Papa war jetzt Westbürger. Und wir lebten im Osten. Ich bekam oft Pakete von ihm und trug die besten Jeans. Es mangelte uns an nichts. Wir bekamen Obst, Gemüse und Leckereien. Aber das war kein Ersatz. Unsere Familie war zerrissen. Ich war sehr unglücklich darüber, meinen Vater nie besuchen zu dürfen. Später lernte er eine andere Frau kennen. Die Ehe wurde geschieden, und auch Mama suchte sich einen 15 anderen Mann. Ich hasste es, wenn die Leute anfingen, auf meinen Vater zu schimpfen, weil er im Westen lebte. Was ging die das an? Ich lebte in der DDR, aber meine Sehnsucht projizierte ich in den Westen. Weil ich den Kontakt mit meinem Vater nicht in aller Form aufgeben wollte, durfte ich keine höhere Schule besuchen und kein Direktstudium aufnehmen. Über 20 verschiedene Wege gelang es mir dann doch, mich weiterzubilden. Meine Mutter wollte mittlerweile auch nicht mehr in ihrem geliebten Dresden bleiben. Sie hatte längst eingesehen, einen Fehler gemacht zu haben. Niemals hätte sie sich vorstellen können, dass die DDR so rigoros mit ihren Kritikern umgehen würde. Wenigstens war der neue Mann an ihrer Seite gut zu uns Kindern. Ich bekam noch einen Bruder. Mein 25 Stiefvater wurde in den späten sechziger Jahren sehr krank und starb. Als meine Mutter wieder allein war, hatten wir die Idee, gemeinsam den Osten zu verlassen. Auf legalem Weg. Doch unsere Ausreiseanträge2 wurden alle abgelehnt. Wir wären zusammen ausgereist, hätte man uns nur gelassen. Wie gern hätte ich mit ihr ein neues Leben im anderen Teil Deutschlands aufgebaut! 30 Natürlich verliebte auch ich mich, natürlich hatte auch ich einen Mann gefunden und versucht, in einer Ehe und Familie glücklich zu werden. Aber es gelang mir immer nur für kurze Zeit. Immer wieder hatte ich meinen