Aperçu du sujet
„Und diese wunderschöne Sonne hier.“ Die Erzählerin ist Türkin. 1976 fuhr sie mit dem Zug von Istanbul nach Berlin, um an einem Theater zu arbeiten. Ich fing an der Volksbühne1 am Rosa-Luxemburg-Platz an, als Regieassistentin zu arbeiten. Tagsüber war ich in Ost-Berlin am Theater, am Abend kehrte ich nach West-
„Und diese wunderschöne Sonne hier.“ Die Erzählerin ist Türkin. 1976 fuhr sie mit dem Zug von Istanbul nach Berlin, um an einem Theater zu arbeiten. Ich fing an der Volksbühne1 am Rosa-Luxemburg-Platz an, als Regieassistentin zu arbeiten. Tagsüber war ich in Ost-Berlin am Theater, am Abend kehrte ich nach West- Berlin zurück. Manchmal schlief ich auch im Osten. Jedesmal, wenn ich aus der U-Bahn kam und die Treppen hinaufstieg, staunte ich: „Ah! 5 Hier im Westen hat es auch geschneit! Ah! Hier hat es auch geregnet!“ Wenn ich vom Osten aus mit meinen Freunden im Wedding2 telefonierte, fragte ich: „Klaus, habt ihr heute auch Sonne?“ In den zwei Jahren, die ich an der Volksbuhne arbeitete, konnte ich die beiden Teile der Stadt nie zusammendenken. Sobald ich in dem einen Teil war, vergaß ich sofort den 10 anderen. Es war, als ob ein großes Meer die beiden Stadthälften trennte. Sie sich zusammen vorzustellen, war so unmöglich, wie sich Fredy Quinn3 and Mozart auf einer Schallplatte zu denken. Die Mauer war für mich nicht aus Stein4, sondern aus Zeit. Wechselte ich die Seiten, trat ich in eine andere Zeit ein. […] 1989 lebte ich wieder in West-Berlin. […] Es war November. Ich lief in Richtung 15 Ku’damm5. An einer Litfaßsäule sah ich ein Plakat. Ein türkischer Intellektueller aus Istanbul hielt an diesem Abend einen Vortrag über türkische Literatur und Politik. Er war ein sehr schöner Mann. Als ich noch in Istanbul lebte, war ich in ihn verliebt gewesen. Und noch immer dachte ich gerne an ihn. Mein Herz klopfte laut. Nach seinem Vortrag lud er mich ein, mit ihm und seinem Freund Yakup, bei dem er wohnte, zu essen. […] 20 Am nächsten Morgen fragte ich ihn: „Darf ich dich zu einem sozialistischen Spaziergang einladen?“ Er antwortete: „Gerne.“ Am Abend fuhren wir wieder zum Grenzübergang, wo eine lange Schlange auf die Ausreise wartete. Aber es dauerte nicht lange, schon nach wenigen Minuten hatten wir die Grenze passiert. Ich staunte und sagte: „Was ist denn heute los? So schnell ging 25 das noch nie.“ Als wir wieder in West-Berlin waren, sagte der Mann aus Istanbul, daß er noch Freunde treffen müsse. […] „Geh schon zu Yakup. Ich komme in zwei Stunden.“ Ich ging zu Yakup und klingelte. Er machte die Tür auf, und als er mich sah, lachte er und rief: „Habt ihr die Mauer fallen lassen? Ihr zwei türkischen Anarchisten?“ 30 „Welche