Aperçu du sujet
September 1960: Abschied vom Bruder 1960 war ich vierzehn Jahre alt und besuchte die achte Klasse. Jeden Schultag wartete ich mit meinen Schulkameraden gespannt auf das erlösende Klingelzeichen, das den Unterricht beenden sollte. Nachdem es endlich ertönt1 war, rannten wir auf den Schulhof zu unseren Fahrrädern. Und dann: ab nach
September 1960: Abschied vom Bruder 1960 war ich vierzehn Jahre alt und besuchte die achte Klasse. Jeden Schultag wartete ich mit meinen Schulkameraden gespannt auf das erlösende Klingelzeichen, das den Unterricht beenden sollte. Nachdem es endlich ertönt1 war, rannten wir auf den Schulhof zu unseren Fahrrädern. Und dann: ab nach Westberlin. Dort wollten wir, wie jeden Tag, unsere Freizeit 5 verbringen. Doch an einem Tag lief es anders ab. Mein Bruder Hans-Jürgen (Hansi), vier Jahre älter als ich, stand vor der Schule, wartete schon auf mich. Hansi war so ein typischer „Grenzgänger“, der im Osten wohnte und im Westen arbeitete. Mit seinen achtzehn Jahren wirkte er wesentlich älter und reifer. Seine schwarzen Haare – nach hinten auf „Ente“ gekämmt, vorn eine „Elvis-Tolle“ – glänzten von Pomade. Jeanshose, 10 spitze Schuhe, Blouson mit aufgestelltem Kragen – ja, diese Westberliner Mode war schon toll. Nur wie sollte man sie bezahlen? Also ging mein Bruder in Westberlin arbeiten. Dadurch hatte auch ich das große Glück, immer die neuesten Klamotten zu bekommen. Ich brauchte mich nicht wie die anderen mit der sozialistischen Mode zufrieden zu geben2. Was den Mädels3 gefiel und meine Chancen bei ihnen steigen ließ. Damals dudelten Radiosender 15 „Rock ,n‘ Roll“ rauf und runter. Sehr zum Ärger der älteren Generation. Und für die kommunistischen Machthaber war diese Musik mehr als ein Dorn im Auge4. Es gab zu dieser Zeit wirklich Jugendliche, die an die These glaubten, die Westmusik sei konterrevolutionär und werde nur mit dem Ziel gespielt, die sozialistischen Erfolge zu diffamieren. Ich jedenfalls konnte mit solchen Typen nichts anfangen und lehnte den Kontakt zu ihnen ab. Mein Bruder 20 dachte genauso. Wir genossen das Leben in vollen Zügen. Obwohl erst 14 Jahre alt, sah ich aus wie 17, kam überall mit meinem Bruder zusammen rein, und wir ließen die Puppen tanzen5. Doch zurück zu diesem denkwürdigen Schulende. Als ich meinen Bruder sah, empfand ich sofort eine Unruhe in mir, denn er sah anders aus als sonst: ernster, trauriger. Er legte seine 25 Hand auf meine Schulter, sah mich an und sagte: „So, Kalle6, heute brauche ich deine Hilfe.“ Erst jetzt bemerkte ich die kleine Aktentasche, die er mit sich trug. Ich hatte meinen Bruder noch nie mit solch einer Tasche gesehen. Mit der Unbekümmertheit7 eines 14-jährigen sagte ich spontan jede Hilfe zu. Auf dem Weg zur Wohnung erklärte mein Bruder mir, dass er am gleichen Tag um 15 Uhr vom