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13ALTEL1ME1 Kulinarische Diplomatie Text 1 Heutzutage gehört es unter den internationalen Staatschefs zum guten Ton, Freundschaft zu schließen, sich gegenseitig nach Hause einzuladen und die Landesküche zu entdecken. Ein logischer Schritt, denn viele diplomatische Gespräche finden bei einem gemeinsamen Essen statt. Früher aber machten sich 5 die westdeutschen Staatschefs nicht
13ALTEL1ME1 Kulinarische Diplomatie Text 1 Heutzutage gehört es unter den internationalen Staatschefs zum guten Ton, Freundschaft zu schließen, sich gegenseitig nach Hause einzuladen und die Landesküche zu entdecken. Ein logischer Schritt, denn viele diplomatische Gespräche finden bei einem gemeinsamen Essen statt. Früher aber machten sich 5 die westdeutschen Staatschefs nicht viel aus gutem Essen, und politische Fragen wurden bis Ende der siebziger Jahre am Konferenz- und nicht am Esstisch besprochen. Ja, Helmut Schmidt wollte Valéry Giscard d’Estaing Hamburger Labskaus1 servieren, und der Franzose tat sogar so, als würde es ihm schmecken. Aber Essen und Diplomatie waren zwei Paar Schuhe. 10 Heute ist das anders geworden und die offiziellen Küchenchefs gewinnen an Bedeutung. Nach Roger BOYES, Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion Text 2 Ulrich Kerz, 53, ist der Küchenchef des Kanzleramts2, ein freundlicher Rheinländer mit praktischem Kurzhaarschnitt. Er ist früher als Koch zur See gefahren. „Eigentlich wollte ich mir ein schönes Plätzchen in der Südsee oder in Australien suchen", sagt er. Stattdessen landete er im Kanzleramt. Er kochte für Gerhard Schröder, jetzt kocht 5 er für Angela Merkel: Frühstück, Mittagessen, Abendessen, Staatsbanketts und Galadiners. Kerz sagt: „Gutes Essen soll dazu beitragen, harte Probleme zu lösen." Auch in Israel gibt es harte Probleme. Ulrich Kerz würde gern mithelfen, sie zu lösen, deswegen ist er hier, zusammen mit den Küchenchefs des Elysée-Palasts und des Kreml, des Weißen Hauses und des Fürstentums Monaco. 10 Die Köche treffen sich jedes Jahr, sie sind Mitglieder im „Club des chefs des chefs", dem Club der Köche von Königen und Staatschefs. Sie waren schon in Peking, Kairo und Moskau. Aber diesmal wollen sie nicht nur kochen und Stimmung machen, sondern auch ein bisschen Politik, und das mit der Kraft des guten Essens. Denn am Esstisch schließen Politiker Verträge3, schaffen Friedenspläne, begraben 15 Feindschaften4. Hat nicht schon der französische Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand gesagt: „Bringt mir gute Köche, und ich mache gute Verträge"? An diesem Morgen sitzen die fünf Küchendiplomaten im Hotel Herods an der Strandpromenade von Tel Aviv. Da kommt eine Reporterin vom russischen Fernsehen auf Kerz zu. Sie fragt: „Hat Frau Merkel schon mal eine Diät gemacht?" 20 Das ist eine schwierige Frage, aber Ulrich Kerz umschifft5 sie elegant. „Frau Merkel mag die leichte, regionale Küche, mit viel frischem Gemüse und Fisch aus der Ostsee." 1/4 13ALTEL1ME1 Es ist nicht immer einfach, Deutschland kulinarisch in der Welt zu repräsentieren. Es gibt keine Austern6, keine Trüffel, keinen Kaviar,